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Robert Sedlacek im Interview

'Es sind an die 1000 Entscheidungen zu treffen'

Robert Sedlacek im Interview - Es sind an die 1000 Entscheidungen zu treffen


Zum Start des Jahres 2018 spricht der Vorsitzende der ÖFB-Schiedsrichterkommisson Robert Sedlacek über die neuesten Entwicklungen im öffentlichen Umgang mit den heimischen Schiedsrichtern, seine Einschätzung zum sogenannten Videoschiedsrichter und neue Gesichter im internationalen Geschäft.


CORNER: Herr Sedlacek, in den letzten Wochen wurde immer wieder starke Kritik von Seiten von Spielern, Trainern und der Öffentlichkeit an Schiedsrichtern laut. Wie beurteilen Sie die Entwicklungen?
Robert Sedlacek: Bei allem Verständnis für Emotionen, die während und nach einem Spiel bei Mannschaften, ihren Funktionären und Fans herrschen, muss ich sagen, dass hier doch Grenzen überschritten wurden, wie wir es noch nicht erlebt haben. Persönliche Drohungen, wenn auch anonym via Mail oder im Internet geäußert, sind inakzeptabel. Ich rufe alle Beteiligten zur Mäßigung und Besinnung auf und bitte vor allem die sportlichen Akteure, öffentliche Äußerungen zu den Spieloffiziellen mit dem gebührenden Respekt zu tätigen. Die Schiedsrichterteams können sich keine vier Zeitlupen aus unterschiedlichen Kamerapositionen ansehen. Man hat nur Zehntelsekunden Zeit, um seine Entscheidung zu treffen.

Fehleinschätzungen kommen im modernen Fußball, der immer mehr an Tempo und Komplexität zunimmt, vor. Das will ich gar nicht beschönigen. Das trifft aber auch auf Spieler oder Trainer zu. Wir würden uns aber nie anmaßen, einen Spieler oder Trainer fachspezifisch zu kritisieren. Dazu haben wir schlicht nicht die Kompetenz. Es wäre wünschenswert, wenn das auch im Gegenzug so gehandhabt wird.

Könnte die Einführung des sogenannten Videoschiedsrichters hier Abhilfe schaffen?
Über die Einführung des sogenannten Video-Schiedsrichters wird derzeit viel diskutiert. Immer, wenn es eine technische Neuerung gibt, bedarf es einer gewissen Test- und Justierungsphase. Es gab unter anderem in Deutschland bisher einige strittige Fälle, bei denen Situationen selbst mit technischer Unterstützung nur sehr schwer aufzulösen waren und die Entscheidungen sehr schwer zu treffen waren. Das hat ebenfalls für große Diskussionen gesorgt. Das verdeutlicht eindrucksvoll, welche Leistungen Schiedsrichterinnen und Schiedsrichter Woche für Woche erbringen, die Situationen innerhalb von Sekundenbruchteilen ohne Zeitlupe beurteilen müssen. Aber auch hier in aller Klarheit: der Video-Schiedsrichter wird den Graubereich, den es vielfach in der Entscheidungsfindung gibt, auch nicht auflösen sondern nur klare Fehlentscheidungen in bestimmten, vom IFAB (Anm.: internationales Regelkomitee) vorgegebenen Bereichen korrigieren können.

Das klingt so, als würden Sie dem Videoschiedsrichter eher skeptisch gegenüberstehen?
Das heißt es nicht. Der ÖFB und das heimische Schiedsrichterwesen stehen dem Konzept des Videoschiedsrichters grundsätzlich offen gegenüber. Eine finanzielle Darstellbarkeit des Systems und der damit einhergehend benötigten zusätzlichen Personalressourcen im heimischen Spielbetrieb muss von den zuständigen Stellen bewertet werden. Ich wollte damit verdeutlichen, dass selbst dieses unterstützende System nicht garantiert, dass keine Fehlentscheidungen getroffen werden.

Was wird unternommen, um die Schiedsrichterteams auf die Herausforderungen des modernen Fußballs bestmöglich vorzubereiten?
Die einzige Möglichkeit ist, die Schiedsrichter und ihren Assistenten im Videostudium mit Hilfe von Fallbeispielen auf diffizile Situationen vorzubereiten. Die Schwierigkeit ist, dass unter Wettkampfbedingungen diese Entscheidungen oftmals unter ganz anderen Voraussetzungen getroffen werden müssen. Hier kommt es zumeist auf die Positionierung des Schiedsrichters und den Blickwinkel auf die Spielszene an. Auch eine perfekte Vorbereitung kann nicht garantieren, dass eine Spielsituation unter Berücksichtigung dieser äußeren Umstände korrekt bewertet wird - auch wenn das Schiedsrichterteam es in der Theorie richtig weiß.

In einem Spiel trifft ein Schiedsrichterteam gemeinsam wahrscheinlich an die 1000 Entscheidungen. Ich gebe zu bedenken, dass auch das Ausbleiben einer Entscheidung ebenfalls eine solche ist. Gemessen an dieser Zahl ist die Quote der richtigen Entscheidungen geradezu enorm hoch.

Im Jänner 2018 werden wieder die internationalen Schiedsrichterabzeichen verliehen. Was tut sich personell auf der österreichischen FIFA-Liste?
Wir freuen uns, mit Julian Weinberger und Christopher Jäger zwei neue Gesichter auf der internationalen Schiedsrichterliste begrüßen zu dürfen. Ich bin überzeugt, dass sie uns auf der internationalen Bühne würdig vertreten werden. Sie haben sich diese Nominierung mit guten Leistungen verdient.

Mit Dominik Ouschan und Markus Hameter verabschieden wir uns von zwei sehr verdienten Vertretern auf internationaler Ebene. Ouschan, der seit 2015 auf der FIFA-Liste vertreten war, scheidet auf eigenen Wunsch international aus, wird aber nach überstandener Verletzung in die Bundesliga zurückkehren, ich wünsche ihm alles Gute. Hameter hat den ÖFB sechs Jahre lang bei UEFA- und FIFA-Bewerben vertreten und scheidet nun zugunsten von frischen Kräften aus. Wir freuen uns auf viele weitere erfolgreiche Jahre von ihm in der Bundesliga.


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